Bicarbonatdialyse
(erstellt am: 18.10.2007 - letzte Änderung:08.02.2008 - aufgerufen: 4320 Mal)
Im menschlichen Organismus entstehen fortwährend saure Abbauprodukte des Stoffwechsels, also Säuren. Wenn diese nicht neutralisiert werden, droht eine Störung des sogenannten Säure-Basengleichgewichtes.

Der Stoffwechsel von Säugern ist darauf angewiesen, dass möglichst immer die gleichen physikalischen und chemischen Bedingungen herrschen, das betrifft die Körpertemperatur, die Wassermenge im Körper, die Salzkonzentration in den Zellen, im Blut und im Gewebe sowie die Menge an Sauerstoff und Kohlendioxid im Schlagader-und im Venenblut.. Ebenso sollte der Säuerungsgrad der Körperflüssigkeiten nur in einem schmalen Bereich schwanken. Alle diese Messgrößen und viele weitere werden von sehr empfindlichen Messfühlern registriert und von raffinierten Regulatoren in einem engen Normalbereich konstant gehalten. Ein Zuviel an Säuren wird über zwei Wege entfernt. Einmal natürlich über die Nieren und zum Zweiten über die Lungen, hier wird Kohlensäure „abgeatmet“. Sie ist identisch mit dem zurzeit so aktuellen CO2, welches unser Klima beeinflusst.

Wenn geschädigte Nieren diese Funktion nicht mehr richtig wahrnehmen können, versucht der Organismus, mehr Säure über die Atmung loszuwerden. Diese wird tiefer. Allerdings ist die Fähigkeit der Lunge, Säuren aus dem Körper zu entfernen, begrenzt. Es kommt im Verlauf der zunehmenden Nierenschwäche zur akuten oder chronischen Übersäuerung, der Azidose. Sie kann einhergehen mit Übelkeit, Erbrechen, Schläfrigkeit und Anstieg des Kaliumwertes im Blut. Chronische Übersäuerung führt auch zu einer Schädigung der Knochen.

Eine Azidose kann man in der Zeit vor der Dialyse mit Tabletten, die Natriumhydrogencarbonat enthalten, ausgleichen. Bicarbonat ist im Blut die wichtigste Puffersubstanz, um Säuren zu neutralisieren und wird in den Nieren hergestellt. Im Alltag ist es bekannt als Bullrichsalz, Speisesoda, Natron oder Backpulver. Wenn man in der Phase vor Beginn der Nierenersatzbehandlung die Übersäuerung beseitigen kann, geht es den Patienten oft deutlich besser. Häufig ist aber auch eine Gewöhnung eingetreten, sodass eine Besserung nicht spürbar ist.

Um während der Dialysebehandlung die seit der letzten Dialyse entstandene Übersäuerung auszugleichen, wird ebenfalls Bicarbonat benutzt. Früher nahm man Acetat, ein Salz der Essigsäure, welches vom Organismus in Bicarbonat umgewandelt werden muss. Es war nicht so gut verträglich, wirkte langsamer und machte den Blutdruck instabil. Es wird heute deswegen nicht mehr verwendet.

Je nach Säuerungsgrad des Organismus, der zu Beginn der Dialyse mit einem Blutgasanalysegerät festgestellt werden kann, wird mehr oder weniger Bicarbonat zugeführt. Am Ende der Behandlung sollte der pH-Wert, der den Säuerungsgrad angibt, etwas im alkalischen (Gegenteil von sauer) Bereich liegen. Eine zu starke Korrektur kann ebenfalls zu schlechtem Befinden mit niedrigem Blutdruck führen. Wenn man mit der Bicarbonatzufuhr während der Dialyse nicht auskommt, gibt man an den Tagen ohne Dialyse Bicarbonattabletten. Allerdings nehmen Dialysepatienten ohnehin schon sehr viele Medikamente in Tablettenform.

Gunther Warnecke, Hamburg (Internist)
Quelle: Hörl/ Wanner: Dialyseverfahren in Dialyse und Praxis

Nephro-Glossar
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