Dialyse von Georg Haas
(erstellt am: 25.08.2007 - letzte Änderung:21.01.2008 - aufgerufen: 1012 Mal)
Rückblick und Erinnerung

Wir stehen auf den Schultern unserer Vorfahren, heißt es, und deshalb haben wir auch keinen Grund, auf die „primitiven“ Verhältnisse, in denen unsere Altvorderen gelebt haben, herabzublicken. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts war von Thomas Graham das Prinzip der Dialyse – Durchtritt von in Wasser gelösten Stoffen durch eine halbdurchlässige Membran – entdeckt worden. Er „erfand“ auch die Bezeichnung Dialyse. Und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die ersten Dialyseversuche an Tieren vorgenommen

Georg Haas hat im Sommer des Jahres 1924 in Gießen die erste Dialyse an einem Menschen durchgeführt, sie dauerte nur 15 Minuten und war sicherlich nicht lebensrettend, aber sie war ein Anfang. Haas hat diesen Versuch im Jahre 1925 in der „Klinischen Wochenschrift“ veröffentlicht: „Versuche der Blutauswaschung am Lebenden mit Hilfe der Dialyse“.

Vorausgegangen waren 10 Jahre des Suchens und Experimentierens; es wurden viele Versuche an Hunden durchgeführt. Ein wesentlicher Antrieb für diese Forschungen waren die vielen Menschen, die wegen einer „Kriegsnephritis“ (Nierenentzündung) aus dem Ersten Weltkrieg die medizinische Klinik des Universitätskrankenhauses Gießen aufsuchten. Aber schon vor dem Krieg hatte sich Haas mit Vergiftungen infolge Nierenversagen beschäftigt und nach einer Therapiemöglichkeit gesucht.

Die Grundidee war, Blut über eine halbdurchlässige Membran fließen zu lassen, auf deren anderer Seite sich eine Salzlösung befand, die in der Zusammensetzung dem menschlichen Blut entsprach. Als Membran wurde Kollodium benutzt, ein Celluloseabkömmling und Vorläufer heutiger Kunststoffe. Die blutgefüllten Kollodiumschläuche liefen durch 1,60 m lange Glaszylinder, die mit Salzlösung gefüllt waren. Das Hauptproblem war, das Blut für die Dauer der Dialyse ungerinnbar zu machen. Haas benutze Hirudin aus dem Speichel von Blutegeln. Es verhindert die Gerinnung des Blutes sehr effektiv, ist aber sehr giftig für Hunde und Menschen. Nachdem ein hoch gereinigtes Hirudin zur Verfügung stand, konnte Professor Haas die oben beschriebene Dialyse an einem Menschen durchführen. Bei weiteren Hundeversuchen erwies sich aber auch das neue Hirudin als unverträglich. Erst als 1926 das Heparin als gerinnungshemmende Substanz isoliert wurde, konnte Haas mit wirkungsvollen Dialysen an Hunden beginnen. Heparin wird bis heute unverändert bei fast allen Dialysen verwendet. Georg Haas hat sich danach nicht mehr mit der Entwicklung der Dialyse beschäftigt.

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte der Holländer Willem Kolff diese Arbeit fort, er benutzte als halb durchlässige Dialysemembran Zellophan, welches damals in der Wurstindustrie Verwendung fand. Zellulose ist bis heute die Basis für die Entwicklung und Herstellung von Dialysemembranen. Dr. Kolff konnte mit seiner Dialysetechnik bei der ersten Patientin weltweit ein akutes Nierenversagen erfolgreich behandeln.

Ein weiterer Pionier ist der Schwede Nils Alwall, der die Dialysetechnik so verbesserte, dass auch ein gesteuerter Wasserentzug möglich war. Schließlich muss Dr. Möller erwähnt werden, der 1950 in Hamburg mit der von ihm und der Fa. Hübscher entwickelten Moeller-Niere die erste effektive Dialyse in Deutschland durchführte. Das Verfahren war so erfolgreich, dass Dr. Moeller mit seiner Niere zur Behandlung nicht verlegbarer Patienten durch Deutschland reiste. Auch er benutzte für seine Filter für die Herstellung von Würsten vorgesehene Zellophanschläuche.

Gunther Warnecke, Hamburg (Internist)
Quelle: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 104, Heft 33, 17. August 2007
Begleittext zur historischen Sammlung Dialysetechnik des KfH-Dialysezentrums in Fürth, von Werner Groß

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