Kortison
(erstellt am: 02.09.2007 - letzte Änderung:02.09.2007 - aufgerufen: 1352 Mal)
Eigentlich: Cortisol = Hydrocortison. Kortison gehört zu den Glucocorticoiden (s. d.) und wird in der Nebennierenrinde aus Cholesterin gebildet. Die Nebennieren sitzen dem oberen Nierenpol auf, haben etwa die Form einer Zipfelmütze und wiegen zwischen 5 und 15 Gramm. Sie bestehen aus dem Mark und der Rinde. Im Mark werden Adrenalin und Noradrenalin, beide kreislaufaktive Hormone, gebildet. In der Rinde entstehen die Corticoide, nämlich das Cortisol, das Aldosteron (s. d.) und Geschlechtshormone, insbesondere Vorstufen für die männlichen Geschlechtshormone.

Die Produktion des Cortisol wird durch eine übergeordnete Drüse, nämlich die Hirnanhangdrüse, gesteuert. Diese schüttet ein Hormon, das ACTH, aus, welches die Nebennierenrinde zur Produktion von Cortisol anregt. Die Herstellung und Ausschüttung von Cortisol unterliegt einem Tagesrhythmus, die größte Menge, 80% der Tagesmenge von 20 bis 25 mg (mg = tausendstel Gramm), wird morgens zwischen vier und acht Uhr abgegeben. Die Abgabe von Cortisol kann in Stresssituationen, also bei seelischer oder körperlicher Belastung, auf das Zehnfache gesteigert werden. Cortisol ist ein lebenswichtiges Hormon. Fehlt es völlig, kann der Organismus sterben. Cortisaol hat folgende Wirkungen: Es regt in der Leber die Umwandlung von Aminosäuren in Zucker an. Aminosäuren sind Eiweißbausteine. In den Körpergeweben bewirkt es ebenfalls die Bereitstellung von Aminosäuren für die Herstellung von Zucker. Auf diese Weise garantiert dieses Hormon die ständige Verfügbarkeit von „Brennstoff“, auch wenn die Nahrungszufuhr nicht ausreicht.

In einer höheren Konzentration entfalten Cortisol und andere Corticoide (aus dem Cortisol abgeleitete Substanzen) entzündungshemmende Wirkungen. Es beeinflusst und hemmt alle Phasen der Entzündung: die Bildung eines entzündlichen Ödems mit Schwellung, die Einwanderung von weißen Blutkörperchen und die abschließende Narbenbildung. Diese Wirkung hat zu der breiten medizinischen Verwendung dieser Substanz geführt. Nachdem die Hormone der Nebennierenrinde am Anfang des 20. Jahrhunderts chemisch definiert waren, wurde 1948 in der Mayoklinik in den USA erstmalig eine schwer rheumakranke Frau mit Cortison behandelt. Nach wenigen Tagen konnte die zuvor auf den Rollstuhl angewiesene Patientin selbstständig einkaufen gehen. In den folgenden Jahren wurde Cortison sehr häufig bei sehr unterschiedlichen Erkrankungen eingesetzt. Nachdem sehr rasch die vielfachen Nebenwirkungen entdeckt worden waren, ging man gezielter vor.

Man hat, ausgehend von der Ursubstanz viele künstliche Cortisolabkömmlinge entwickelt, die zum Teil viel stärker wirken als diese. Zu den pharmazeutisch Hergestellten gehört auch das Cortison/Kortison, welches erst nach Umwandlung in das körpereigene Cortisol wirksam wird. Es findet heute kaum noch Verwendung. Am stärksten wirksam ist Dexamethason, es ist 25-mal so stark wie Cortisol. Am häufigsten werden Prednison und Prednisolon benutzt, die die vierfache Stärke des Cortisol aufweisen. Die künstlich hergestellten aus dem Cortisol abgeleiteten Stoffe nennt man Corticosteroide.

Normalerweise ist ein entzündlicher Prozess eine sinnvolle Maßnahme unseres Organismus, eine Störung zu beseitigen. Das können Bakterien oder Viren sein oder auch in den Körper eingedrungene Fremdstoffe, wie zum Beispiel Stäube und Gase in den Atemwegen und in der Lunge oder Schmutz und Fremdsubstanzen in der Haut.

Manchmal wird das Immunsystem irrtümlich aktiviert und greift körpereigene Strukturen an, so auch im Falle deroben genannten Patientin, die an einer chronischen Polyarthritis litt. Im Laufe der Jahre werden hier durch den permanenten Angriff des Immunsystems die Gelenke zerstört. Diese fehlgeleitete Aktivität kann durch die aus dem Cortisol entwickelten Corticoide gebremst werden. Inzwischen sind diese Mittel nicht die einzigen, die solche Krankheiten zwar nicht heilen, aber sehr positiv beeinflussen können. Auf diese Weise kann man Corticoide einsparen und die zum Teil massiven Nebenwirkungen vermindern. Diese umfassen äußere Veränderungen wie Mondgesicht, Stammfettsucht und geplatztes Unterhautgewebe sowie schwerwiegende Organstörungen: Magengeschwüre, Hochdruck, Wassereinlagerung, Knochenabbau, Depression und Euphorie (permanente Hochstimmung mit Glücksgefühlen), vorzeitige Hautalterung und Auslösung oder Verschlechterung einer Zuckerkrankheit. Sehr bedrohlich kann sich die Unterdrückung des Immunsystems auf die Infektabwehr auswirken, eine chronische Behandlung mit Corticoiden oder ähnlich wirkenden Substanzen verursacht eine oft eine massive Infektanfälligkeit.

Alle diese Nebenwirkungen sind dosisabhängig, deshalb strebt man eine Minimaldosierung solcher Medikamente an. Diese Dosisverminderung wird oft erreicht durch eine örtliche Anwendung,zum Beispiel durch Cortisonklistiere bei entzündlichen Darmerkrankungen oder durch Cortisonsprays beim allergischen Asthma. Bei länger dauernder Anwendung wird die körpereigene Cortisolproduktion vermindert oder ganz eingestellt. Setzt man dann die Medikation ab, entsteht ein eventuell schwerer Cortisolmangel, weil die Nebenniere erst wieder aufgebaut werden muss. Man soll also nach länger dauernder Corticoidbehandlung mit dem Medikament ausschleichen.
Eine weitere Anwendung der körpereigenen Originalsubstanz ist der Hormonersatz bei Zerstörung der Nebennieren durch Entzündung oder Tumor.

Gunther Warnecke, Hamburg (Internist)

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