Praxisgebühr
(erstellt am: 03.02.2009 - letzte Änderung:03.02.2009 - aufgerufen: 688 Mal)
Auswirkung einer Patienteneigenbeteiligung auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung
2004 wurde die Praxisgebühr eingeführt. Gefreut hat es weder die Patienten noch die Ärzte. Die einen mussten noch mehr bezahlen, die anderen hatten mehr Arbeit und Ärger. Es gab in den folgenden Jahren Untersuchungen zu den Auswirkungen dieser ungeliebten Gebühr, zwei wurden vom Wissenschaftlichen Institut der AOK durchgeführt, mit widersprüchlichen Ergebnissen. Jetzt gibt es vom renommierten Helmholtz-Zentrum in München und der Bertelsmann-Stiftung eine neue Studie zu den Folgen der Praxisgebühr, veröffentlicht im November 2008.

Die Studie
Die Untersucher führten zwischen 2004 und 2006 bei knapp 8.000 Männern und Frauen zwischen 18 und 79 Jahren eine Befragung durch, sie wollten wissen, ob diese Menschen im vergangenen Quartal wegen der Praxisgebühr einen Arztbesuch aufgeschoben oder auf diesen sogar verzichtet hatten.

Das Ergebnis:
Von jüngeren und gesunden Menschen wurde ein Arztbesuch dreieinhalb Mal so häufig verschoben oder nicht durchgeführt wie von älteren. Chronisch Kranke mit einem Einkommen von weniger als 600 Euro gaben häufiger als Besserverdienende an, einen Arztbesuch wegen der 10 € verschoben oder vermieden zu haben. Bei der schlechter gestellten Gruppe waren es 68% und bei den höheren Einkommensgruppen 43%.

Schlussfolgerungen:
Die Untersucher stellen fest, dass sich die so genannte „nachfragesenkende“ Wirkung der Gebühr nicht auf überflüssige Leistungen begrenzen lässt, sie betrifft fatalerweise auch notwendige Maßnahmen. Denn der ohnehin schlechtere Zugang chronisch kranker Menschen mit wenig Geld zur medizinischen Versorgung wird zusätzlich erschwert. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Wissenschaftler in Israel, Frankreich, Südkorea und Dänemark.

Es gibt aus den 70-er Jahren eine Untersuchung aus Kalifornien. Hier wurden 5.800 Personen 14 verschiedenen Krankenkassen zugeteilt, deren Tarife eine unterschiedliche Selbstbeteiligung enthielten. Die Studie dauerte 5 Jahre und zeigte ebenfalls, dass finanziell schlechter gestellte Menschen um so seltener zum Arzt gehen, je höher die Eigenbeteiligung ist. Das heißt, dass bei diesen Menschen am Ende der Gesundheitszustand schlechter war und dadurch die Gesamtkosten stiegen. Insbesondere Hochrisikopatienten waren gefährdet.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Nützlichkeit einer Praxisgebühr bezweifelt werden muss. Es werden weitere Langzeituntersuchungen benötigt, um zu klären, ob sich die Gesundheit der Menschen in den unteren Einkommensgruppen durch die Eigenbeteiligung verschlechtert und dadurch die Kosten für die Kassen steigen, anstatt zu sinken.


Quelle: Deutsches Ärzteblatt, Jahrgang 106, Heft 3, 16. Januar 2009
Rückert/ Böcken/ Mielck in BMC Health Services Research 2008
( www.biomedcentral.com/content/pdf/1472-6963-8-232.pdf )

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