Wunde – Wundheilung - Wundverbände
(erstellt am: 11.06.2008 - letzte Änderung:12.06.2008 - aufgerufen: 1107 Mal)
Die Menschen, die heute in den westlichen Industrieländern leben, werden älter als ihre Eltern und Großeltern. Sie leben anders als diese, sie bewegen sich weniger, weil Maschinen ihnen viel körperliche Arbeit abnehmen und sie essen besser und mehr, was sich an der Figur zeigt. Aber leider nicht nur dort. In Deutschland sind fast 10 Prozent aller Menschen, und nicht nur die Älteren, an Altersdiabetes, dem Diabetes mellitus Typ 2, erkrankt. Diese Stoffwechselstörung ist oft mit unangenehmen Folgeerscheinungen verbunden. Unter anderem mit Durchblutungsstörungen der Beine und Nervenstörungen, die im Extremfall zum Absterben von Gewebe führen können. Es entstehen schwer heilende Geschwüre, die sorgfältiger Behandlung und Pflege bedürfen. Auch das sehr hohe Lebensalter mit langen Aufenthalten in Pflegeheimen, mit der Notwendigkeit, den Rest seiner Tage überwiegend liegend zu verbringen, führt öfters zu hässlichen und hartnäckigen Wunden (Dekubitus).

Da auch „Nierenpatienten“ älter geworden sind und vergleichsweise viele Diabetiker dialysepflichtig werden, ist es für die Betroffenen und die Pflegenden notwendig, zu wissen, wie man Wunden vermeidet und wie man sie behandelt und pflegt.

Definition: Eine Wunde ist jede Verletzung, die mit einer Durchtrennung von Gewebe einhergeht. Diese kann äußerlich oder innerlich sein. Sie kann die Haut, Schleimhäute oder Organe betreffen. Die Verletzung kann Nerven, Gefäße, Knochen oder Muskeln einbeziehen, man spricht dann von komplizierten Wunden.

Die Ursachen für eine Wunde können mechanisch, chemisch (durch Säuren oder Laugen) und thermisch (Hitze und Kälte) sein, auch Strahlen können Wunden verursachen. Bei den mechanischen Ursachen unterscheidet man Schnitt-, Quetsch-, Schürf-, Kratz- und Bisswunden.

Wunden können aber auch durch eine zugrunde liegende andere Erkrankung entstehen: Zum Beispiel durch einen Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), durch eine Mangeldurchblutung bei Schädigung von Schlagadern und Venen. Hauterkrankungen können Wunden verursachen, Allergien können die Ursache sein. Es gibt ungewollte und geplante, bzw. beabsichtigte Wunden, zum Beispiel bei chirurgischen Eingriffen. Ein besonderes Kapitel sind seelische Verletzungen.

Therapie: Die Wundversorgung und –behandlung ist die Aufgabe der Chirurgen. Dabei ist es oberstes Ziel, einen möglichst vollständigen und raschen Wundverschluss zu erreichen und eine Infektion zu vermeiden. Eventuelle Gewebsdefekte müssen durch natürliches Gewebe oder Gewebsersatz ausgeglichen werden, zum Beispiel durch eine Hautverpflanzung oder durch Verwendung von Metall (bei Knochenbrüchen) oder Kunststoff. Nach der Erstversorgung einer Wunde kann diese durch andere Ärzte, Pflegekräfte oder auch durch Laien weiter versorgt werden.

Der normale Ablauf der Wundheilung: Dieser Vorgang ist sehr kompliziert und auch nach 120 Jahren Forschung noch nicht vollständig verstanden. Grundsätzlich läuft die Wundheilung auch ohne menschliche Mitwirkung optimal ab, sie wird oft durch Manipulationen eher negativ beeinflusst. Ziel ist also, die Heilung wirksam zu unterstützen. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Arten von Wundheilung: eine primäre, die vom ersten Augenblick an unkompliziert in normaler Zeit, wie unten beschrieben, abläuft. Und eine sekundäre, gestörte, zum Beispiel durch Infektion, Bluterguss, innere Faktoren wie geschwächte Immunabwehr, in ihrem Ablauf komplizierte Wundheilung.

Der Ablauf der Wundheilung:
  1. Exsudative Phase („Ausschwitzung“ von Blut und Blutbestandteilen)
  2. Resorptive Phase (Beseitigung und Aufnahme von Gewebe und Gewebstrümmern)
  3. Proliferative Phase (Neubildung von Gewebe)
  4. Regenerative Phase (Narbenbildung)

Exsudative Phase: Die Wunde wird mit Blut, Blutbestandteilen und Wundflüssigkeit aufgefüllt. Das Blut gerinnt, die Blutung kommt zum Stehen. Es wandern Entzündungszellen ein, die Botenstoffe aussenden, zum Beispiel Wachstumsfaktoren.

Resorptive Phase: Weiße Blutkörperchen und Fresszellen wandern in das Wundgebiet ein, die durch Botenstoffe dorthin dirigiert wurden. Sie lösen totes Gewebe auf und fressen es, Entzündungszellen sorgen für Beseitigung von Bakterien, Pilzen oder Viren. Immunzellen kümmern sich ebenfalls, zum Beispiel über die Bildung von Antikörpern, um die Keimabwehr.

Proliferative Phase: Vom dritten bis siebten Tag wandern Fibroblasten (Zellen, die Bindegewebe bilden) in den Wundbereich ein, gleichzeitig sprossen Adern in die Wunde ein. Beide Vorgänge bilden das „Granulationsgewebe“. Vom Wundrand her wachsen Hautzellen vor und decken die Wunde ab. Auch diese Vorgänge werden durch Botenstoffe gesteuert.

Regenerative Phase: Über einen mehrere Monate dauernden Zeitraum wird die Narbenbildung vervollständigt und das Ersatzgewebe an die Funktion angepasst.

Primäre Wundheilung: Hierzu sollten alle operativen Wunden gehören, die nach Verschluss durch eine Naht innerhalb von wenigen Tagen komplikationslos heilen. Auch die meisten nicht chirurgisch gesetzten Wunden heilen primär. Aus einer primären kann eine sekundäre Heilung werden, wenn eine Infektion auftritt, wenn sich größere Blutergüsse bilden, wenn die Nähte nicht halten oder wenn sich ein Abszess bildet. Aus diesem Grund werden nach der Operation die Wunden täglich kontrolliert. Nach 24 Stunden kann der Wundbereich geduscht werden. Eine Wunddesinfektion kann erfolgen mit:

Polyhexanid (zum Beispiel Prontosan®)
  • Erfasst alle wichtigen Bakterien, nach Angabe der Firma auch die so genannten
  • MRSA (siehe dort)
  • Einwirkzeit 10 bis Minuten
  • Ziemlich gewebsschonend
Octenidin (zum Beispiel Octenisept) in Kombination mit Phenoxyethanol
  • Erfasst alle üblichen und wichtigen Erreger
  • Einwirkzeit 2 Minuten
  • Verursacht keine Schmerzen
  • Ebenfalls gegen MRSA wirksam (wiederholte Ganzkörperwaschungen)
PVP-Jodpräparate (zum Beispiel Povidon-Jod)
  • Ebenfalls gegen eine Vielzahl von Bakterien wirksam
  • Verfärbung
  • Nicht bei Schilddrüsenüberfunktion anwenden.
Die Entfernung der Fäden erfolgt zu unterschiedlichen Zeiten und richtet sich nach der Belastung der operierten Region (zum Beispiel am Hals nach 4 bis 5 Tagen, am Bein nach 2 Wochen), hängt aber auch ab von der Hautspannung, dem Allgemeinzustand (verminderte Abwehrkraft bei Einnahme von Medikamenten, die das Immunsystem abschwächen, Diabetes mellitus = Zuckerkrankheit) und dem Körpergewicht.

Sekundäre Wundheilung: Da es sich hier um offene Wunden handelt, ist eine hygienische Wundversorgung besonders wichtig. Zweitens muss versucht werden, eine normale, das heißt: feuchte Wundumgebung zu schaffen, da Austrocknung und Kontakt mit der Luft und dem darin enthaltenen Sauerstoff zu Gewebsschädigung führt. Da eine offene Wunde mit den (normalen) Keimen der Umgebung besiedelt ist, soll die Wundversorgung eine körpereigene Abwehr ermöglichen und fördern. Eine Wunddesinfektion ist nicht routinemäßig erforderlich. Viele der in den letzten 100 Jahren häufig benutzen Antiseptika (Stoffe, die eine Keimarmut bewirken) sind als schädlich für die Wundheilung erkannt worden und dürfen nicht mehr verwendet werden.Sind lokale oder ganzkörperliche Entzündungszeichen vorhanden (Rötung, Schwellung, Eiter, Fieber, Vermehrung der weißen Blutkörperchen, Nachweis von Entzündungsstoffen im Blut, zum Beispiel CRP), muss entweder örtlich-chirurgisch oder mit Gabe von Antibiotika in Form von Spritzen oder Tabletten behandelt werden.

Verbandwechsel und Wundreinigung bei sekundärer Wundheilung: In der frühen Phase der Wundheilung sollten abgestorbene Zellen und Blutgerinnsel beim Verbandwechsel entfernt werden. Diese Säuberung der Wunde kann auch mittels einer Wunddusche vorgenommen werden, wobei die Verwendung von Trinkwasser unbedenklich ist.

Die Wunddesinfektion: Zu den Stoffen, die man heute zur Wunddesinfektion nicht mehr benutzen darf, weil sie die Wundheilung behindern und entweder giftig, nicht wirksam oder Allergie auslösend sind, gehören:
  1. Farbstoffe, zum Beispiel Kristallviolett, Brillantgrün u.a..
  2. Quecksilberhaltige Lösungen, zum Beispiel Mercurochrom.
  3. Rezepturstoffe, zum Beispiel Borsäure, Kaliumpermanganat, Lebertran, Silbersalze, Tannin, Perubalsam u.v.a..
  4. Pasten ohne Wirkstoff, zum Beispiel Lebertran-Zinkpaste, weiche Zinkpaste.
  5. Pasten mit Wirkstoff, zum Beispiel Nystatin-Paste.
  6. Infusionslösungen, zum Beispiel Glucoselösung, 10 %-ige Kochsalzlösung u.a..
  7. Veterinärpräparate, zum Beispiel Melkfett, Pferdesalbe o.ä..
  8. Lebensmittel, Bedarfsgegenstände, zum Beispiel Honig, Zucker, Salz, Zahnpasta, Quark, rohe Eier, Kohlblätter, Ochsenblut, Walnussblätterbrei, Zeitungspapier, Seesand, Heilerde, Knoblauch, Pfeffer, Pulverkaffee, Benzin, Glycerin, Teebaumöl, Lavendelöl.
  9. Arzneimittel, zum Beispiel Antibiotika zur örtlichen Anwendung (Neomycin, Gentamycin, Penicillin u.a.), Insulinampullen, Heparinampullen.
Erlaubt sind: Octenidin, Polyhexanid, Phenoxyethanol und PVP-Jod, s.o.. Wichtig ist die feuchte Wundumgebung, sie fördert das Zellwachstum, die Neubildung von Gefäßen und die Auflösung von Blutgerinnungsstoffen (Fibrin).

Wundabdeckung/ Herstellung und Erhaltung der feuchten Wundumgebung: Es gibt erstens „nicht aktive“ Wundauflagen, die aus Baumwolle, synthetischen Fasern (Vlies) oder Wundgaze bestehen und sehr saugfähig sind. Sie werden mit physiologischer Kochsalzlösung (physiologisch = Konzentration wie im Körper) getränkt und mit einer wasserdichten Folie abgedeckt. Auf diese Weise entsteht die notwendige, feuchte Wundumgebung. Da diese Auflagen sehr saugkräftig sind, kann man sie auch bei stark nässenden Wunden anwenden. Nachteilig kann ein Verkleben mit der Wundoberfläche sein, sodass beim Ablösen ein Teil des Heilungsgewebes abgerissen oder zerstört wird.
Zweitens benutzt man „interaktive“ Wundauflagen, die folgende Eigenschaften aufweisen sollen:
  1. Herstellung und Aufrechterhaltung der feuchten Wundumgebung mit einem normalen Säurungswert.
  2. Aufnahme von schädlichen Wundbestandteilen und Zerfallsprodukten von Bakterien.
  3. Schutz vor Infektion.
  4. schonender, schmerzarmer Verbandwechsel.
  5. praktische Anwendung.
Diese Auflagen sollen optimale Bedingungen für die Wundheilung ermöglichen, sie können den unterschiedlichen Phasen der Wundheilung angepasst werden, man kann sie über mehrere Tage belassen, der Wechsel ist schmerzarm. Es gibt von verschiedenen Herstellern ca. 250 verschiedene Wundauflagen. In Vergleichsstudien konnte festgestellt werden, dass Auflagen mit Hydrokolloiden, Alginaten, Schaumverbänden und Hydrogelen nicht besser sind als solche, die nur für eine feuchte Wundumgebung sorgen. Die o.g. Stoffe sind überwiegend Eiweißstoffe und Vielfachzucker, die zur Gelbildung neigen und Wasser binden können.

Drittens gibt es „bioaktive“ Wundauflagen, dazu gehören: Eigenhaut, speziell behandelte Schweinehaut, aus Eigenhaut gewonnene Keratinozyten (hornbildende Zellen aus der obersten Hautschicht), Verbände auf Kollagenbasis (aus Kollagen besteht das menschliche Bindegewebe) und die Benutzung von Wachstumsfaktoren für die bessere Wundheilung.

Hautpflege beim Verbandwechsel: In der Umgebung einer Wunde soll die Haut gesund und sauber sein. Bei trockener Haut sind harnstoffhaltige Produkte zu empfehlen, bei normaler Haut reicht eine pH5-Gel-Creme. Wird die umgebende Haut durch Flüssigkeiten und Sekrete aufgeweicht, sollte sie abgedeckt werden, zum Beispiel mit Hydrokolloiden. Um solche Veränderungen zu vermeiden, kann man sie mit einem luftdurchlässigen und wasserabweisenden Hautschutzfilm abdecken. Die „gute, alte“ Zinkpaste soll nicht mehr verwendet werden, weil sie die Wundränder austrocknet.

Vakuumversiegelung: Dazu wird ein Schaumstoff auf die Wunde gebracht und darüber ein Unterdruck erzeugt. Auf diese Weise wird ständig drainiert und eine feuchte Umgebung geschaffen. Ob die normale Wundheilung dadurch beschleunigt wird, ist nicht klar.

Chronische Wunden: Wenn eine Wunde 4 Wochen lang nicht heilt, gilt sie als chronisch. Dann müssen die Ursachen geklärt werden: zum Beispiel Druckgeschwür, Durchblutungsstörungen durch Veränderungen der Venen oder Schlagadern, Diabetes mellitus = Zuckerkrankheit, Infektionen.

Wundverschluss: Lässt sich auf die oben beschriebene Art kein Verschluss der Wunde erreichen, ist die plastische und rekonstruierende Chirurgie gefordert, zum Beispiel durch Hauttransplantation eine Wunde zu schließen. Chronische Wunden sollten nicht akzeptiert werden.

Gunther Warnecke, Hamburg (Internist)

Quelle: Deutsches Ärzteblatt, Jahrgang 105, Heft 13, 28. März 2008
Roche Lexikon der Medizin, 5. Auflage
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